Wir freuen uns, die PGXperts GmbH als neuestes Mitglied im Medical Valley-Netzwerk willkommen zu heißen!
Das Softwareunternehmen aus Fürth setzt auf Pharmakogenetik, um Ärzt:innen eine Personalisierte Medikation zu ermöglichen. Ziel ist es, die Arzneimitteltherapiesicherheit, Wirksamkeit sowie die Lebensqualität zu erhöhen.
Im Interview gibt Geschäftsführerin Frau Herna Munoz-Galeano Einblicke in die Hintergründe des Unternehmens, die Vision einer Personalisierten Medizin und die nächsten Schritte von PGXperts.

Mit dem Start von HMG Systems Engineering im Jahr 2014 lag der Fokus bereits auf der Personalisierten Medizin. Was waren damals Ihre Ziele und wodurch wurden diese inspiriert?
Die meisten von uns wissen nicht, dass rund 25 Prozent der deutschen Bevölkerung täglich fünf oder mehr Medikamente einnehmen (Barmer, 2020) oder dass es in Deutschland jährlich über 250.000 Krankenhauseinweisungen aufgrund unerwünschter Arzneimittelwirkungen gibt (Chan et al., 2001). Wechselwirkungen zwischen Arzneimitteln sind daher wahrscheinlich und nehmen mit steigender Anzahl der verordneten Medikamente exponentiell zu. Für medizinische Fachpersonal ist die Verordnung von Arzneimitteln daher besonders komplex – und das unter enormen Zeitdruck.
Ich habe mich gefragt, wie ich mit innovativer Technologie einen echten Beitrag zur Lösung dieses Problems leisten kann. Die HMG Systems Engineering GmbH brachte bereits damals fundierte Erfahrung aus technisch anspruchsvollen Projekten im Gesundheitswesen mit.
Gleichzeitig waren die Potenziale der Personalisierten Medikation auf Basis genetischer Erkenntnisse für mich klar erkennbar – sei es durch individuell angepasste Therapien oder Einsparungen für das Gesundheitssystem. Diese Überzeugung war der Auslöser, mich dieser Herausforderung mit voller Energie zu widmen.
Die Herausforderung war, Ärztinnen und Ärzten die Möglichkeit zu bieten, allen Patient:innen eine individuell zugeschnittene Medikation zu ermöglichen – evidenzbasiert, praxisrelevant und mit deutlich erhöhter Therapiesicherheit, um dadurch die Arzneimitteltherapiesicherheit insgesamt zu verbessern. Mit unserem PGXperts System helfen wir, die Medikation zu finden, die den Patient:innen ein möglichst gesundes Leben und eine hohe Lebensqualität bietet.
Was hat Ihnen geholfen, Ihren Weg erfolgreich zu verfolgen? Was treibt Sie an, Ihre Begeisterung so zu teilen, dass Sie und Ihr Team mehrfach ausgezeichnet wurden?
Für uns war von Anfang an entscheidend, einen echten Purpose zu haben. Und damit meine ich nicht einfach ein Ziel, sondern ein klares „Warum“. Unser Purpose bei PGXperts ist es, durch die Interpretation genetischer Daten eine individualisierte und sichere Medikamentenwahl zu ermöglichen – damit Menschen die Therapien bekommen, die wirklich zu ihnen passen.
Ich habe das große Glück, dass viele Menschen diesen Purpose mittragen und ihn zu ihrem eigenen gemacht haben. Sie treiben Innovationen mit Überzeugung voran – mit dem Ergebnis, dass PGXperts heute als Vorreiter darin gilt, komplexe genetische Informationen mithilfe modernster Technologie in den klinischen Alltag zu überführen.
Ein weiterer Schlüsselfaktor für unseren Erfolg ist die Vielfalt unseres Teams. Denn die Komplexität unserer Herausforderungen erfordert ganz unterschiedliche Blickwinkel, um die zahllosen Probleme zu lösen, die uns täglich begegnen. Unsere Stärke liegt genau darin: 37 Mitarbeitende – 20 Männer und 17 Frauen – aus 9 Nationen, mit 13 verschiedenen fachlichen Hintergründen und einem Altersspektrum von 17 bis 76 Jahren. Diese Vielfalt ist der Schlüssel zu unserer Innovationskraft – weil echte Lösungen dort entstehen, wo unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen.
Der dritte Erfolgsfaktor ist unser systemischer Ansatz. Wir haben die Herausforderung von Anfang an ganzheitlich betrachtet – mit dem Fokus auf die tatsächlichen Bedürfnisse der Anwender:innen. In enger Zusammenarbeit mit bis zu 28 Ärzt:innen haben wir genau verstanden, was sie brauchen – und ebenso, was nicht.
Dieses praxisnahe Wissen haben wir mit wissenschaftlicher und technischer Exzellenz kombiniert: Unsere Lösungen sind evidenzbasiert und vor allem actionable – also direkt im klinischen Alltag nutzbar. Ergänzt wird dieser Ansatz durch modernste Technologien und eine Plattformarchitektur, die es uns erlaubt, unsere Software schnell, flexibel und wirtschaftlich an die unterschiedlichsten Schnittstellen und Akteure im Gesundheitssystem anzubinden.
Was oft übersehen wird: Auch das Umfeld war entscheidend. In der Metropolregion Nürnberg – mit dem Medical Valley als zentralem Innovationsknoten – trafen wir auf genau die richtigen Bedingungen. Die erste Förderung für unseren Proof of Concept kam vom Freistaat Bayern, und hier begegneten wir auch unserem heutigen Vertriebs- und Entwicklungspartner ADVANOVA. Ohne dieses starke Netzwerk wäre vieles nicht möglich gewesen.
Meine Begeisterung hat einen sehr persönlichen Ursprung: Mich fasziniert Komplexität – und als Ingenieurin treibt es mich an, daraus praktische, anwendbare Lösungen zu entwickeln. Genau das erfüllt mich. Wenn diese Lösungen Wirklichkeit werden, entsteht automatisch Begeisterung – und diese überträgt sich auf das Team, unsere Partner und Kund:innen. Dass unsere Arbeit mehrfach ausgezeichnet wurde, ist für mich ein starkes Zeichen: Wir sind auf dem richtigen Weg.
Welche Rolle wird der Einfluss der Genetik auf die Medikation von Patientinnen und Patienten in den kommenden Jahren spielen?
Die Integration der Pharmakogenetik in die Medikamentenverordnung markiert einen echten Paradigmenwechsel in der Medizin.
Bislang war es Standard, dass Ärzt:innen etwa Blutwerte oder andere klinische Parameter analysieren, bevor sie ein Medikament verschreiben. Heute ermöglichen digitale Lösungen wie die von PGXperts zusätzlich den Zugriff auf das genetische Profil der Patient:innen, um Wirksamkeit, Verträglichkeit und Dosierung individuell zu optimieren.
Die klassische Diagnostik bleibt dabei essenziell – wird jedoch durch die genetische Komponente entscheidend erweitert. Das Ergebnis ist eine Personalisierte Medikation, die den globalen Trend zur Präzisionsmedizin deutlich vorantreibt.
Aktuell gibt es evidenzbasierte und klinisch nutzbare Informationen zu rund 150 Gene-Drug-Pairs – also Kombinationen aus Genvarianten und Medikamenten, deren Wechselwirkungen klar wissenschaftlich belegt sind. Weitere 300 befinden sich in fortgeschrittener Forschung, und über 1.000 weitere Kombinationen weisen bereits vielversprechende Hinweise auf.
Ein weiterer, zunehmend wichtiger Faktor ist die genetische Diversität der Weltbevölkerung. Unterschiede in genetischer Ausstattung haben direkte Auswirkungen auf die Wirkung von Arzneimitteln.
Die internationale wissenschaftliche Community arbeitet intensiv an genau diesen Fragen – und unsere Aufgabe bei PGXperts sehen wir darin, diese Erkenntnisse präzise, schnell und sicher in die klinische Routine zu bringen. Denn nur so erreicht dieses Wissen letztlich die Patient:innen – dort, wo es wirklich wirkt.
Ich bin überzeugt: In Zukunft wird es selbstverständlich sein, dass jede Patientin und jeder Patient eine auf seine genetischen Merkmale abgestimmte Medikation erhalten. So wie es heute undenkbar ist, dass Ärzte kein Blutbild ihrer Patienten bestimmen können, wird es in Zukunft unvorstellbar sein, dass sie keinen Zugang zu den genetischen Informationen ihrer Patient:innen haben.
2024 wurde die PGXperts GmbH als Spin-off der HMG Systems Engineering GmbH erfolgreich ausgegliedert. Was bewegte Sie zu diesem Schritt und was sind diesbezüglich die nächsten Meilensteine?
Die Ausgliederung der PGXperts GmbH als Spin-off der HMG Systems Engineering GmbH war ein wichtiger Meilenstein nach 9 Jahren Forschung und Entwicklung im Bereich der Personalisierten Medikation. Ein wesentlicher Treiber war die erfolgreiche Geschäftsentwicklung im Jahr 2023, in dem wir unsere Lösung PGXperts PRiM in 12 deutschen Krankenhäusern implementieren konnten. Inzwischen ist das System in 35 Kliniken deutschlandweit erfolgreich im Einsatz.
Im August 2024 wurde das Qualitätsmanagementsystem von PGXperts erfolgreich nach ISO EN 13485 durch den TÜV Rheinland zertifiziert. Damit erfüllen wir die regulatorischen Anforderungen für Software zur Analyse pharmakogenetischer und pharmakologischer Wechselwirkungen. Der nächste Meilenstein ist die Zulassung unseres PGXperts Systems als Medizinprodukt der Klasse IIb (SaMD) – geplant für März 2026.
Im Rahmen der erfolgreichen Finanzierungsrunde im März 2024 konnten wir fünf private Investoren gewinnen – vier davon mit fundierter Expertise in der Medizintechnik. Auch unser Team steht voll hinter unserer Mission: 21 Mitarbeitende investieren über eine eigens gegründete PGXperts eGbR gemeinsam in das Unternehmen. Diese starke Unterstützung ermöglichte es uns, den Vertrieb gezielt auszubauen und erste Schritte in der Internationalisierung zu gehen – zunächst in Europa, mit Blick auf weitere Märkte.
Als zertifizierter Hersteller von Software als Medizinprodukt (SaMD) nach MDR, mit einem europäischen Patent und einem einzigartigen Produktportfolio im Bereich Personalisierte Medikation, verfügt PGXperts über klare Wettbewerbsvorteile. Diese Stärken nutzen wir gezielt, um unsere Expansion in Europa voranzutreiben.
Unser Fokus liegt auf Ländern wie Spanien, den Niederlanden, der Schweiz, Großbritannien und den nordischen Staaten – sie zählen zu den Vorreitern bei der Integration Personalisierter Medikation in die klinische Versorgung.
Was wünschen Sie sich vom Medical Valley-Netzwerk?
Das Medical-Valley-Netzwerk ist in seiner Rolle als Plattform für innovative Medizintechnik-Unternehmen hervorragend aufgestellt. Als Unternehmerin sehe ich im Netzwerk eine wertvolle Chance, gemeinsam mit anderen innovativen Lösungen schneller in die Versorgung zu bringen und nachhaltige Geschäftsmodelle im Gesundheitswesen zu etablieren.
Doch ein zentraler, offener Punkt bleibt: Der Zugang zu Kapital – insbesondere in der kritischen Phase, in der aus einem fertigen Produkt eine marktfähige Lösung wird. Gerade in der entscheidenden Phase zwischen Produktentwicklung und Markteintritt fehlen oft die Mittel – und damit geht zu viel exzellente Medizintechnik ins Ausland verloren.
Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann wäre es: mehr mutiges Kapital für die Kommerzialisierung von Innovationen.
Literaturverzeichnis:
Barmer. (2020). Barmer Arzneimittelreport 2020. Millionen Polypharmazie-Patienten gefährdet © BARMER 2025. Alle Rechte Vorbehalten. https://www.barmer.de/presse/infothek/studien-und-reporte/arzneimittelreporte/arzneimittelreport-2020-1059350
Chan, M., Nicklason, F. & Vial, J. H. (2001). Adverse drug events as a cause of hospital admission in the elderly. Internal Medicine Journal, 31(4), 199–205. https://doi.org/10.1046/j.1445-5994.2001.00044.x